Wärt ihr gerne euer Pferd?

Eine einfache Frage die euch helfen kann ein guter Pferdemensch zu werden:

„Wärt ihr gerne euer Pferd?“

Seid ihr manchmal ungerecht und zornig, weil es beim Reiten nicht so gut klappt?
Benutzt ihr vielleicht die Sporen oder die Gerte um euer Pferd zu strafen, anstatt an eurem Sitz zu arbeiten und den Fehler bei euch zu suchen?
Seid ihr zornig im Umgang nur weil euer Pferd nicht versteht was ihr wollt? Bestraft ihr es ungerecht dafür dass es euch nicht versteht, weil ihr nie die gleichen Hilfen gebt? Fordert ihr immer etwas wenn ihr zum Pferd kommt?

Wir alle möchten eine gute Partnerschaft mit unserem Pferd haben und natürlich pferdefreundlich mit ihm trainieren. Aber ist wirklich alles so pferdefreundlich wie es auf den ersten Blick scheint?


Wie oft sagen wir „Nein“ zu unserem Pferd?
Zum Beispiel:
Nein, halte Abstand von mir / Nein, du sollst jetzt stillstehen und nicht da schnuppern / Nein, da darfst du jetzt nicht fressen / Du sollst aber jetzt auf die Plane steigen / Du musst jetzt was „arbeiten“ / Nein, wir sind noch nicht fertig… die Liste könnt ihr beliebig fortsetzen. Immer nur fordern ist kein Weg zum Pferd.
Das bedeutet jetzt nicht dass ihr gar nicht „Nein“ sagen sollt, natürlich dürft ihr auch nein sagen… Es geht nur um das wie oft man nein sagt. Stellt euch vor zu euch sagt alle 5 Minuten ein Mensch „nein, das darfst du nicht“, würdet ihr den als Freund wollen? Also ich nicht.

Ich finde es völlig ok wenn mein Pferd auch mal „NEIN“ sagt oder zumindest von mir die Möglichkeit bekommt zu überlegen ob es das jetzt macht oder nicht.
Beispiel über eine Stange steigen – ist es schwierig für das Pferd, dann ist es wichtig ihm die Möglichkeit zu geben darüber nachzudenken, auch die Stange zu beschnuppern und eben ohne Dominanz das Pferd entscheiden zu lassen ob es dem Menschen zuliebe über die Stange steigt oder eben nicht. Es gibt verschiedenen Wege das Pferd auch ohne Dominanz dazu zu bewegen gerne über diese Stange zu steigen – auch wenn anfangs auch einmal ein „NEIN“ vom Pferd dabei ist. Warum auch nicht? Ein Pferd hat auch seine eigene Persönlichkeit und die möchte ich als Besitzer nicht dominieren.
Ich möchte kein Pferd das sich mir unterwirft – ich möchte einen Teampartner.

image-4

Bedenken sollte man natürlich auch die Haltungsbedingungen (individuell – aber Licht/Luft – gutes Raufutter und täglicher Koppelgang ist das Minimum) und ob das Pferd rein körperlich in der Lage ist bestimmte Dinge überhaupt zu machen.

Regeln und klare Linien sind natürlich wichtig, keine Frage! Immerhin haben wir es im Training mit einem kraftmäßig weit überlegenen Tier zu tun und ohne Regeln kann das auch ganz schön gefährlich werden. Dennoch finde ich es enorm wichtig über den Weg zu den Regeln nachzudenken und auch darüber ob Dominanz  der richtige Weg ist.

Ich möchte einfach zum Nachdenken anregen, wie oft wir unseren Willen durchsetzen beim Pferd und ob nicht mein Pferd auch das Recht hat manchmal seine Meinung zu sagen… (gilt bei mir auch bei der Erziehung meines Kindes)

Der Duden über Dominanz:
„führende Rolle, Führerschaft, Überlegenheit, Übermacht, Vorherrschaft, Vormachtstellung, Vorrangstellung; (bildungssprachlich) …“
Bei der Definition des Wortes „Dominanz“ stört mich persönlich ganz klar: Überlegenheit/Übermacht – möchte ich das sein? Oder gibt es andere Wege?

Veraltet ist das Denken der Dominanztheorie in Bezug auf das Herdenverhalten der Tiere. Früher glaubte man dass das Alphatier in der Herde immer dasselbe sei und dass sich das Leittier alle anderen Tiere in der Herde unterordnet. Heute weiß man diese Theorie ist veraltet und stimmt nicht. Das soziale Verhalten in einer Pferdeherde ist wesentlich komplexer, die Beziehungen in der Herde wechseln untereinander, sind situationsabhängig und auch abhängig von der Jahreszeit (Hormone bei den Stuten etc.)

Dominanz gibt es in einer Herde zwischen zwei Pferden immer nur kurz und Situationsbedingt. Der Ruhepol der Klarheit ausstrahlt ist bei allen Pferden beliebt und diesem Pferd folgen die anderen Tiere auch gerne und vertrauensvoll.
Mittlerweile bin ich auch der Ansicht dass wir eben keine Pferde, sondern Menschen sind und deshalb auch nicht von unserem Pferd als „Herdenmitglied“ gesehen werden.
Was bleibt? Der Gedanke wie man respektvoll und liebevoll  das Vertrauen einer anderen Spezies gewinnen kann um eine gute Partnerschaft zu haben die nicht auf Dominanz aufgebaut wird. Ruhe bewahren, ehrlich sein und respektvoll mit jedem Tier umgehen ist für mich wichtig im täglichen Umgang.

Wenn es uns Menschen gelingt, dass das Pferd versteht und das tut was wir möchten und es dabei glaubt es wäre seine Idee gewesen, dann ist es für mich ein gutes Vertrauenstraining.
Beobachtet euer Pferd, seine Mimik beim Training egal ob beim Reiten oder bei der Bodenarbeit. Gibt es Stresssignale?  Dann sucht einen anderen Weg.
Arbeitet mit jedem Tier individuell – jedes hat eine andere Persönlichkeit und Vorgeschichte.

Ich mache bestimmt auch nicht alles richtig, aber ich denke zumindest darüber nach wie ich gut mit meinem Tier umgehen kann und hinterfrage meine Art des Trainings immer wieder oder ich arbeite eben an mir, sei es beim Reiten mein Sitz und eine feine Hand, oder bei der Bodenarbeit das hinterfragen der verschiedenen Trainingsmethoden. Ich pike dann für mich die positiven Trainingsansätze heraus und lasse die weg bei denen mein Herz ganz klar „nein“ sagt.
Nach dem Reiten absteigen und meinem Pferd in die Augen sehen zu können ganz ohne schlechtes Gewissen ist mein tägliches Ziel.

Ich möchte gar nicht behaupten diese oder jene Trainingsmethode ist richtig oder falsch. Bestimmt nicht, aber hört auf euer Gefühl und auf euer Herz! Achtet auf eure Pferde, seid nicht ungerecht, hört ihnen zu, seht mit offenen Augen hin und findet den richtigen Weg für euch. Ihr müsst euch abends in den Spiegel sehen können mit einem reinen Gewissen.

Pferde spiegeln uns – bedeutet sind wir mal schlecht gelaunt wird auch unser Pferd nicht freudig mit uns arbeiten wollen – an Tagen wie diesen ist es besser nur spazieren zu gehen oder einfach nur da zu sein ohne etwas zu verlangen oder zu tun.

Wäre ich gerne mein Pferd? Ja! Ich denke das kann ich mit gutem Gewissen behaupten. Auch wenn vielleicht nicht alles gut ist was ich mache, so arbeite ich wenigstens ständig an mir und versuche ein besserer Pferdemensch zu werden und meinem Pferd gerecht zu sein.

Die Frage kann man sich auch auf sein gesamtes Umfeld bezogen stellen:
Wäre ich gerne mein Partner?
Wäre ich gerne meine Freundin?
Wäre ich gerne mein Hund?
Wäre ich gerne mein Kind?

Meine Pferde sind meine Lehrmeister um vielleicht ein besserer Mensch zu werden.
Ich Danke meinen Pferden von Herzen dafür.

Ein Gedanke zu „Wärt ihr gerne euer Pferd?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.